Biomechanische und klinische Ergebnisse beim sogenannten "HWS-Schleudertrauma" - eine experimentelle Studie

Bei Gerichtsverfahren werden technische und medizinische Sachverstaendige immer haeufiger mit der Fragestellung konfrontiert, ob die Belastung bei einer Kollision ausreichend hoch war, um eine Verletzung der Halswirbelsaeule (HWS) bei den Insassen auszuloesen. Hierzu wurden 1993 auf der Crash-Anlage des Ingenieurbueros Schimmelpfennig + Becke in Muenster bereits 14 Versuche mit Freiwilligen durchgefuehrt. Die Bewegungsvorgaenge der Insassen und die Belastungshoehen wurden mit Beschleunigungsaufnehmern gemessen. Dabei wurde festgestellt, dass Geschwindigkeitsaenderungen im gestossenen Fahrzeug von bis zu 10 km/h problemlos von der Halswirbelsaeule toleriert werden und bei keinem der Probanden Beschwerden aufgetreten sind. Weiterhin wurde das Muskelaktionspotential ueber EMG Oberflaechenelektroden waehrend der Kollision aufgezeichnet. Es ergab sich, dass auch bei einer vor dem Anstoss entspannten Muskulatur (Ruhepotential) eine Anspannung der Halsmuskulatur bereits vor oder unmittelbar bei Einsatz der kollisionsbedingten Belastung der Halswirbelsaeule vorlag. Eine Antizipation der Probanden war bei den Versuchen durch Abschirmung ausgeschlossen. Die gleichen Messungen wurden mit freiwilligen Personen bei Autoskooter-Stoessen durchgefuehrt. Dabei wurde nachgewiesen, dass die Belastungsart sich von der tatsaechlichen Autokollision unterscheidet und die Belastungshoehe relativ starken Anstossvorgaengen mit Geschwindigkeitsaenderungen von bis zu 15 km/h entspricht. Die Abstuetzung der Personen in Autoskootern ist aeusserst unguenstig; es fehlen ausreichend hohe Sitze und Kopfstuetzen, die eine Ueberstreckung der Halswirbelsaeule verhindern. Zudem werden alle denkbaren Stossrichtungen und Koerperhaltungen bei Autoskooter-Kollisionen beobachtet. Weiterhin werden Insassen in vielen Faellen von dem Anstoss voellig ueberrascht und koennen keine Schutzhaltung einnehmen. Trotz dieser unguenstigen Ausgangsbedingungen finden jaehrlich Millionen von Anstossvorgaengen auf Jahrmaerkten statt, bei denen nur in statistisch vernachlaessigbaren Fallzahlen Beschwerden angegeben werden. Hieraus kann der Schluss gezogen werden, dass die in Autoskootern auftretenden Belastungen von der Halswirbelsaeule - auch bei Beruecksichtigung von durchschnittlichen degenerativen Veraenderungen und grossen interpersonellen Unterschieden - verkraftet werden. Zur Zeit werden im Rahmen einer interdisziplinaeren Studie (Ingenieurbuero Schimmelpfennig + Becke in Muenster in Zusammenarbeit mit der Akademie fuer Manuelle Medizin an der Westfaelischen Wilhelms-Universitaet Muenster) Auffahrkollisionen mit freiwilligen Probanden mit Geschwindigkeitsaenderungen von bis zu 15 km/h im gestossenen Fahrzeug durchgefuehrt. Dies entspricht bei gleich schweren Fahrzeugen Aufprallgeschwindigkeiten von 20 - 39 km/h. Die Probanden werden direkt vor, direkt nach und 4 Wochen nach den Versuchen im Kernspintomographen (MRI) und klinisch auf Verletzungen untersucht. Bisher wurden 12 Versuche ueber 10 km/h Geschwindigkeitsaenderung durchgefuehrt, bei keinem der Probanden wurden unfallbedingte Verletzungen an der HWS festgestellt; bis Maerz 1997 sind 16 Pkw-Pkw-Kollisionen und 2 zusaetzliche Autoskooter-Autoskooter-Kollisionen durchgefuehrt worden. Ziel dieser noch nicht abgeschlossenen Studie ist es, dem technischen Experten Informationen zu vermitteln, mit denen er retrospektiv aus den Deformationen der Fahrzeuge auf die Belastungshoehe (Geschwindigkeitsaenderung) zurueckschliessen kann, anhand der Bewegungsanalysen in interdisziplinaerer Zusammenarbeit Erkenntnisse zum tatsaechlichen Verletzengsmechanismus zu gewinnen, durch den Vergleich mit der Belastungshoehe in Autoskootern statistisch weitgehend abgesicherte Aussagen zu biomechanischen Belastungsgrenzen der HWS zu treffen. (A) Beitrag zum Themenschwerpunkt VIII HWS des Kongresses 1997 der Deutschen Gesellschaft fuer Verkehrsmedizin e.V., 29. Jahrestagung, Muenster, 19. bis 22. Maerz 1997. Siehe auch Gesamtaufnahme der Jahrestagung, IDS-Nummer D340959.

  • Availability:
  • Authors:
    • CASTRO, W H
    • SCHILGEN, M
    • MEYER, S
    • WEBER, M
  • Publication Date: 1998

Language

  • German

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  • Accession Number: 01201289
  • Record Type: Publication
  • Source Agency: Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt)
  • Files: ITRD
  • Created Date: Oct 7 2010 6:36PM