"Darf's etwas mehr sein?" - Geschwindigkeitsverhalten auf unseren Strassen

Langsamkeit ist kein Wert in unserer Gesellschaft. Davon wird das Geschwindigkeitsverhalten im Strassenverkehr mitbestimmt. Regelverstoesse werden bagatellisiert, Prominente fallen durch Geschwindigkeitsexzesse auf, Politiker ueberreichen den Beamten statt des Fuehrerscheins ihren Abgeordnetenausweis, wenn sie nach Geschwindigkeitsueberschreitungen angehalten werden. Die Menschen haetten am liebsten vor der eigenen Haustuere eine Geschwindigkeitsbeschraenkung von 30 Stundenkilometern, moechten aber gleichzeitig an allen anderen Orten ungehindert unterwegs sein koennen und schon gar nicht "abkassiert" werden, wenn sie die Regeln nicht einhalten. Die Rahmenbedingungen fuer die Vollziehung der Geschwindigkeitsueberwachung sind schwierig. Um die sich haeufenden Verwaltungsstrafverfahren aufgrund von Geschwindigkeitsueberschreitungen in den Griff zu bekommen, wurden nicht etwa Massnahmen zur Verringerung der Ueberschreitungen gesetzt, sondern es wurde mit der Schaffung der Anonymverfuegung ein neuer Weg ihrer Verwaltung gefunden. Wird eine Geschwindigkeitsueberschreitung bis zu 30 Stundenkilometer gemessen, bekommt der Zulassungsbesitzer eine anonyme Strafverfuegung. Wird die Strafe bezahlt, interessiert es den Staat nicht mehr, wer sich nicht an die Normen haelt. 80 Prozent der Geschwindigkeitsueberschreitungen werden durch Anonymverfuegungen geahndet. Das kommt einem Steuerzuschlag fuer Schnellfahren gleich. Fahrer aus Laendern, mit denen Oesterreich kein Rechtshilfeabkommen hat, bei Geschwindigkeitsueberschreitungen zu bestrafen, ist kaum moeglich. Ratlosigkeit bei den Ueberwachungsorganen rufen jene Fahrer hervor, die sich trotz hoher Geldstrafen an keine Regeln halten und sogar bei entzogenem Fuehrerschein weiter fahren. Solche Fahrer muessen in der Schweiz nach ihrem Arbeitstag eine naechtliche Haftstrafe antreten. Die Autobahnen haben Kurvenradien, die mit 250 Stundenkilometern gefahren werden koennen. In Oesterreich werden Fahrzeuge zugelassen, die als Rennfahrzeuge zu qualifizieren sind. In der oeffentlichen Diskussion ueber Verkehrssicherheit hat das Geschwindigkeitsverhalten einen geringen Stellenwert. Nur mit Muehe konnte eine gesetzliche Regelung erreicht werden, dass der Fuehrerschein nach Geschwindigkeitsexzessen an Ort und Stelle abgenommen werden kann. Heute fehlt der politische Wille, den in anderen Laendern erprobten und erfolgreichen Punktefuehrerschein einzufuehren. Die Exekutive hat in den letzten Jahren zahlreiche Ueberwachungsaufgaben mit viel Verwaltungsaufwand uebernehmen muessen, die nichts mit Verkehrssicherheit zu tun haben, zum Beispiel die Oekopunkt-Kontrolle und die Autobahnmaut. Dazugekommen sind auch Ueberwachungsaufgaben mit "Fussangeln". Es ist zwar verboten, ohne Gurt zu fahren, aber strafbar ist es nur, wenn man bei der Anhaltung nicht angeschnallt ist. Verboten ist beim Autofahren das Telefonieren ohne Freisprecheinrichtung, aber bestraft werden kann man praktisch nur, wenn man beim Anhalten noch mit dem Handy in der Hand weiter telefoniert. Fuehrerscheinabnahmen gelten in der Bevoelkerung schnell als existenzgefaehrdend, den Opfern von Rasern wird dagegen kaum Beachtung geschenkt. Oesterreich gehoert in Europa zu den Laendern mit den niedrigsten Strafen. Eine Bewusstseinsaenderung ist notwendig. Die Beitraege der im Anschluss an das Referat gefuehrten Diskussion sind in Kurzform angefuegt. Zur Gesamtaufnahme siehe ITRD-Nummer D346059. (KfV/A)

  • Authors:
    • SCHMIDHUBER, F
  • Publication Date: 2000

Language

  • German

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Subject/Index Terms

Filing Info

  • Accession Number: 01200262
  • Record Type: Publication
  • Source Agency: Kuratorium für Verkehrssicherheit (KfV)
  • Files: ITRD
  • Created Date: Oct 7 2010 5:58PM