Die psychosozialen Folgen schwerer Unfaelle

Mit einer Laengsschnittstudie sollten Haeufigkeit und Art psychischer Stoerungen nach schweren unfallbedingten Verletzungen sowie deren Verlauf ueber einen Zeitraum von 12 Monaten untersucht werden. In einer prospektiven Verlaufsuntersuchung wurden waehrend 18 Monaten alle Patienten, die infolge eines Unfalls auf die Intensivstation der Klinik fuer Unfallchirurgie des Universitaetsspitals Zuerich eingewiesen und als schwerverletzt diagnostiziert wurden, hinsichtlich ihrer Eignung zur Aufnahme in die Studie evaluiert. Als Einbeziehungskriterien galten ein Injury Severity Score von mindestens 10, ein Alter zwischen 18 und 70 Jahren sowie hinreichende deutsche Sprachkenntnisse. Ausgeschlossen wurden psychosoziale Risikopatienten. Von 135 fuer die Studie geeigneten Patienten verweigerten 14 die Teilnahme. Alle 121 Studienteilnehmer wurden waehrend der akuten Behandlungsphase sowie 6 bis 12 Monate nach dem Unfall mittels eines ausfuehrlichen semistrukturierten Interviews und verschiedener Selbstrating-Fragebogen untersucht. Von 106 Patienten liegen vollstaendige Datensaetze vor. Neben soziodemographischen Daten wurden Informationen ueber den Unfallhergang und dessen subjektive Bewertung durch die Patienten erhoben. Es wurden auch biographische protektive und Risikofaktoren fuer die Entstehung psychischer und psychosomatischer Krankheiten erfasst. Im weiteren wurde eine genau Arbeitsanamnese aufgenommen. Zum Einsatz kamen ueberdies standardisierte Untersuchungsinstrumente zur Messung spezifischer und unspezifischer posttraumatischer Symptome. Der Injury Severity Score betrug im Mittel 21,9, der Glasgow Coma Scale Score lag bei 14,4. 44 Patienten (41,5 Prozent) hatten ein leichtes Schaedelhirntrauma erlitten. 38 Patienten (35,8 Prozent) litten an unfallbedingten koerperlichen Behinderungen. Kurz nach dem Unfall litten 5 Patienten (4,7 Prozent) an einer voll ausgebildeten und 22 (20,8 Prozent) an einer subsyndromalen posttraumatischen Belastungsstoerung. Ein halbes Jahr nach dem Unfall hatten noch 4 Patienten (3,8 Prozent) ein Vollbild und 11 (10,4 Prozent) eine subsyndromale posttraumatische Belastungsstoerung. Ein Jahr nach dem Unfall litten 21 Patienten an klinisch relevanten Angst- und/oder depressiven Symptomen. Die posttraumatische psychische Symptomatik (CAPS-2-Score) korrelierte nicht mit objektiven Verletzungsmerkmalen und den meisten soziodemographischen Charakteristika. 36 von 108 Patienten (34 Prozent) wiesen im Beobachtungszeitraum zu einem oder mehreren Messzeitpunkten eine subsyndromale oder vollausgebildete posttraumatische Belastungsstoerung auf. Mit Hilfe von multiplen Regressionsanalysen wurden zwei praediktive Modelle gerechnet. Die Resultate legen nahe, dass eine schwerwiegende Verletzung bei praetraumatisch in koerperlicher und psychischer Hinsicht gesunden Unfallpatienten in der Regel keine posttraumatische Belastungsstoerung zur Folge haben. Die Entwicklung posttraumatischer psychischer Stoerungen haengt offensichtlich kaum von objektiven Verletzungsmerkmalen ab, sondern in erster Linie von prae- und posttraumatischen psychosozialen Variablen, insbesondere vom subjektiven Erleben des Unfallereignisses und seiner Folgen. Psychosoziale Merkmale bestimmen auch zu einem wesentlichen Teil die Dauer der unfallbedingten Arbeitsunfaehigkeit. Ergaenzend zu den statistischen Auswertungen sind 5 Fallbeispiele angefuehrt. Sie sollen ein Bild davon vermitteln, was die in der Studie untersuchten Patienten im ersten Jahr nach ihrem Unfall erlebten. (KfV/A)

Language

  • German

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  • Accession Number: 01200240
  • Record Type: Publication
  • Source Agency: Kuratorium für Verkehrssicherheit (KfV)
  • ISBN: 3-7985-1213-2
  • Files: ITRD
  • Created Date: Oct 7 2010 5:57PM