Das Defizit im oeffentlichen Personennahverkehr in Theorie und Empirie

Angesichts der in den letzten Jahrzehnten zu beobachtenden Vervielfachung des Individualverkehrs und der Verkehrsleistung sowie der damit verbundenen Staedtebau- und Umweltprobleme kommt immer wieder der Vorschlag einer Korrektur des Modal Split zugunsten des OEPNV auf, und zwar insbesondere bezueglich der Berufs- und Ausbildungsverkehre. Unter den Instrumenten, die ein solches "Umsteigen" der Verkehrsteilnehmer herbeifuehren sollen, wird den Aenderungen der relativen Preise besondere Bedeutung beigemessen, wobei Pkw-belastende Massnahmen (zum Beispiel eine Erhoehung der Mineraloelsteuer) und OEPNV-unterstuetzende beziehungsweise attraktivitaetssteigernde Massnahmen (zum Beispiel Verbilligungen durch Tarifsenkungen) diskutiert werden. Die staedtebau- und umweltpolitisch angestrebte Aenderung des Modal Split zugunsten des OEPNV erweist sich als aeusserst komplexe Aufgabe beziehungsweise als interdependentes Wirkungsgefuege zwischen Preis, Verkehrsleistung, OEPNV-Kosten und -Defizit. Die Loesung dieses Optimierungsproblems legt die Abbildung der Zusammenhaenge in einem Gleichungssystem und eine simultane Behandlung, das heisst eine umfassende Modellbetrachtung nahe. In der vorliegenden Arbeit wurden die Zusammenhaenge in einem formalen Gleichungssystem abgebildet, das diesen Interdependenzen Rechnung traegt. Mit Hilfe dieses Modells wurden in 5 Szenarien die Implikationen von Nulltarifen im OEPNV, einer Halbierung der Peak-Preise (Job-/Semesterticket), einer Halbierung der Off-Peak-Preise (Freizeit-Ticket), von kostendeckenden Ramsey-Preisen sowie von Kraftstoffpreiserhoehungen fuer den Pkw-Verkehr simuliert und evaluiert. Es zeigte sich, dass ueberall da, wo Tarifsenkungen die Spitzenverkehre ansprechen (Nulltarif, Job-/Semesterticket), hoehere modal shifts zu erwarten sind, als da, wo Off-Peak-Verkehre Beguenstigte sind (Freizeit-Ticket). Allerdings sind gerade die Spitzenverkehre durch hohe Grenzkosten und geringe Grenzerloese gekennzeichnet, so dass sich der Zuschussbedarf erheblich erhoehen wuerde. Im Falle des Nulltarifs waere beispielsweise eine Steigerung der Kostenunterdeckung von 12 auf 29 Milliarden DM zu erwarten. Gleichzeitig wuerden lediglich 2,5 Prozent des gesamten Pkw-Verkehrs auf Bus und Bahn umgelenkt. Als das Instrument mit den groessten Lenkungswirkungen bei geringsten Kosten stellten sich Abgaben auf den Kraftstoffpreis heraus. Dabei sollte jedoch nicht uebersehen werden, dass auch Kraftstoffpreiserhoehungen aufgrund der Umlenkung ausschliesslich in der Spitzenlast eine weitere Erhoehung des OEPNV-Defizits bewirken.

Language

  • German

Media Info

Subject/Index Terms

Filing Info

  • Accession Number: 01197490
  • Record Type: Publication
  • Source Agency: Forschungsgesellschaft für Straßen- und Verkehrswesen (FGSV)
  • Files: ITRD
  • Created Date: Oct 7 2010 5:03PM