Sicherheit von jungen Fahrern und Fahrerinnen im Strassenverkehr

Die Verkehrssicherheitsmassnahmen fuer junge Fahrer in Deutschland (ab 1995) werden gesammelt, beschrieben, klassifiziert und bewertet. Ueber bereits existierende Adressensammlungen und ein Schneeballsystem wird versucht, eine weitgehend vollstaendige Liste aller Verkehrssicherheitsinstitutionen in Deutschland zu erstellen (n = 247) und diese Institutionen zu kontaktieren (Antwortquote 94,7 Prozent): 104 Institutionen bieten insgesamt 94 Massnahmen fuer junge Fahrer an. In einem zweiten Schritt werden prototypische Programme ausgewaehlt (n = 56) und den entsprechenden Traegern ein Fragebogen zu den angesprochenen Risikofaktoren und den verwendeten Lernmethoden zugesandt (Antwortquote 92,8 Prozent). Die Verkehrssicherheitsmassnahmen bilden drei Kategorien: Gruppenprogramme, Massenansprachen und Koordinationsprogramme. Gruppenprogramme arbeiten paedagogisch mit kleinen Teilnehmergruppen von circa 10 bis 12 Jugendlichen oder jungen Erwachsenen. Subkategorien sind jugendspezifische Fahrsicherheitstrainings, Unterrichtsprogramme mit Unterrichtsvorschlaegen fuer Lehrer verschiedener Schulformen, Kombinationen dieser beiden Ansaetze, sowie Nachschulungskurse fuer auffaellig gewordene Kraftfahrer. Dagegen versuchen Massenansprachen, ueber verschiedene Medien grosse Zahlen junger Fahrer landes- oder bundesweit zu erreichen. Sie sprechen damit auch deutlich mehr junge Fahrer an als Gruppenprogramme. Sie lassen sich weiter unterteilen in Kampagnen, die eher auf eine Einstellungsaenderung des Fahrers abzielen (kognitive, auf die Person bezogene Kampagnen) und Kampagnen, die eine Veraenderung der Fahrsituation, insbesondere die Benutzung alternativer Befoerderungsmittel foerdern wollen (fahrsituative Kampagnen). Ausserdem gibt es noch reine Medienpakete, die von Interessierten angefordert und beliebig eingesetzt werden koennen, sowie Kreativwettbewerbe und fahrpraktische Wettbewerbe. Als Koordinationsprogramm wird die Koordination zahlreicher unterschiedlicher regionaler Verkehrssicherheitsaktivitaeten durch eine zentrale Stelle bezeichnet. Fuer die Bewertung der Massnahmen lassen sich harte und weiche Evaluationskriterien heranziehen. Unter harten Kriterien werden Ergebnisse von Evaluationsstudien verstanden, unter weichen Kriterien programminterne Merkmale der Einwirkungsintensitaet (zum Beispiel verwendete Lernmethoden, Dauer des Programms fuer den Teilnehmer) und die angesprochenen Risikofaktoren. Nur fuer 9 Prozent aller Massnahmen liegen Wirksamkeitsstudien vor. Sie zeigen auf, dass kognitive Kampagnen und Unterrichtsprogramme zumindest eine kurzfristige Einstellungsaenderung bewirken koennen. Fahrsicherheitstrainings fuehren zu einer besseren Legalbewaehrung junger Fahrer, aber nur wenn die Erkenntnis der Grenzen der eigenen Leistungsfaehigkeit deutlich Vorrang vor der Bewaeltigung gefaehrlicher Verkehrssituationen hat. Aufbauseminare koennen geringere Rueckfallquoten ihrer Teilnehmer im Vergleich zu Kontrollgruppen nachweisen. Fuer die anderen Formen von Gruppenprogrammen, Massenansprachen und Koordinationsprogrammen liegen keine Evaluationsstudien vor. Aufgrund der geringen Zahl von Evaluationsstudien ist ein Wirksamkeitsvergleich anhand "harter" Kriterien nicht moeglich. Es bleibt nur der indirekte Vergleich ueber Binnenkriterien der Wirksamkeit. Dabei zeigt sich, dass Gruppenprogramme den Massenansprachen hinsichtlich der Einwirkungsintensitaet ueberlegen sind: Sie behandeln mehr Themen, widmen dem einzelnen Thema mehr Zeit und setzen eine groessere Zahl von Lernmethoden ein. Massenansprachen nehmen dagegen die Aufmerksamkeit des Fahrers nur kurz in Anspruch und konzentrieren sich auf eigene Risikofaktoren. Als Fazit dieser Bestandsaufnahme laesst sich festhalten, dass zwar viele verschiedene Verkehrssicherheitsmassnahmen fuer junge Fahrer existieren, in die teilweise erhebliche Arbeit und Originalitaet gesteckt wird, dass jedoch demgegenueber die Anstrengungen, die Wirksamkeit der Massnahmen auch zu erfassen, erheblich zuruecktreten. Daraus ergibt sich die Forderung nach einer durchgaengigen Evaluation von Verkehrssicherheitsmassnahmen aber auch nach der Entwicklung entsprechender Hilfsmittel, zum Beispiel in Form eines "Evaluationshandbuches", das den einzelnen Veranstaltern ein Bausteinsystem von Evaluationsmethoden zur Verfuegung stellt. Auf den Erhalt der Vielfaeltigkeit der Zugangsmethoden ist jedoch ebenfalls zu achten. Nur so kann in vielen Lebensbereichen auf den jungen Fahrer eingewirkt und nicht nur der Einzelne sondern auch sein soziales Umfeld entsprechend gepraegt werden.