Tatsachen, Meinungen, Wissenschaft und Praxis am Beispiel der Suedbahn

Anhand der Erfahrungen des Autors in der "Experten-Arbeitsgruppe Neue Suedbahn", die ihn zu einem vorzeitigen Ruecktritt veranlassten, wird Grundsaetzliches zur Umsetzung wissenschaftlicher Erkenntnisse in die Praxis festgehalten. Ein Experte ist dadurch gekennzeichnet, dass er in einem klar definierten Fachbereich einen hohen Sachverstand aufweist. Von ihm ist unbedingte Neutralitaet gegenueber Einfluessen aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft zu fordern. In der Suedbahngruppe war diese von Beginn an nicht bei allen Teilnehmern gegeben. Die Suedbahngruppe hatte einen Suedbahnkorridor, begrenzt durch die Semmeringbahn und eine ungarische Flachbahn, mit den erforderlichen Spezifikationen zu erarbeiten. Fuer Arbeits- und Entscheidungsablaeufe ist die Rueckbesinnung und Einigung auf unstrittige Wahrheiten wie die Grundgesetze der Physik oder die Marktgesetze erforderlich. So ermoeglicht etwa die bestehende Semmering-Bergstrecke selbst bei Einbeziehung aller denkbaren technischen Entwicklungen bei den heutigen Marktanforderungen kein genuegendes Angebot. Eine optimale Systemabgrenzung haengt von den Zielen der Aufgabenstellung und den praxisbezogenen echten Genauigkeitsanforderungen an die Ergebnisse ab. Ausgehend von den Hauptzielen der Suedbahngruppe, einerseits den Sueden Oesterreichs besser an Ostoesterreich anzuschliessen und andererseits im Rahmen der gesamteuropaeischen Planung der Eisenbahn eine Abseitslage Wiens zu vermeiden, wurde ein breiter, die Staatsgrenzen ueberwindender Korridor zwischen Suedbahn und ungarischer Flachbahn unter Einbezug der Koralm und des Wiener Grossraumes festgelegt. Wie sich spaeter herausstellte, sollte damit der eigentliche Zankapfel, der Semmering-Basistunnel, umgangen werden. Bei sehr langlebigen Grossinvestitionen ist der Mut zum Handeln mit Zukunftsrisiken verschiedenster Art verbunden. Die Wissenschaft wird oft als Feigenblatt fuer das Zuwarten missbraucht. Eine Unmenge von Gutachten und Gegengutachten zum Semmering-Basistunnel hat viel Zeit gekostet, die Erfuellung der gesetzten Ziele wird immer unwahrscheinlicher und alles zusammen verursacht hohe betriebs- und volkswirtschaftliche Kosten. Die Verkehrsmaerkte sind heute hinsichtlich ihrer qualitativen Anforderungen und Zukunftstendenzen recht gut bekannt. Der Markt kann unter der Voraussetzung wettbewerbsfaehiger Angebote verschiedener Verkehrstraeger durch entsprechende Rahmenbedingungen in Richtung gesetzter Ziele gesteuert werden. So hat das 28-Tonnen-Limit und das Nacht- und Sonntagsfahrverbot fuer Lkw in der Schweiz zu einer Verlagerung des Alpentransits auf die Schiene gefuehrt. Da in juengster Zeit die Bahn trotz aller Marktbeschraenkungen wieder Anteile verlor, fiel die Entscheidung fuer den Bau von zwei neuen Eisenbahn-Alpentransversalen. Grosse Infrastrukturen wie das System "neue Suedbahn" brauchen Jahrzehnte zur Realisierung. Sie lassen sich kaum als Ganzes beschliessen, finanzieren und bauen. Einer sinnvollen Etappierung kommt daher grosses Gewicht zu. Expertengruppen sollen besonders komplexe oder besonders umstrittene Fragen einer sinnvollen Loesung naeherbringen. Die Suedbahngruppe ignorierte folgende Tatsachen: Die Semmeringbahn mit guten, im Norden sogar sehr guten Zulaufstrecken existiert; ein baureifes Projekt fuer den Semmering-Basistunnel liegt vor; fuer die ungarische Flachbahn existieren dagegen weder durchgehende Projekte noch Bewilligungen. Zur Gesamtaufnahme siehe ITRD-Nummer D346630. (KfV/A)

Language

  • German

Media Info

  • Pagination: 65-74
  • Monograph Title: Perspektiven der Verkehrssystemplanung. Festschrift fuer Peter Cerwenka
  • Serial:
    • IVS-SCHRIFTEN
    • Issue Number: 14
    • Publisher: OESTERREICHISCHER KUNST- UND KULTURVERLAG

Subject/Index Terms

Filing Info

  • Accession Number: 01195860
  • Record Type: Publication
  • Source Agency: Kuratorium für Verkehrssicherheit (KfV)
  • ISBN: 3-85437-237-X
  • Files: ITRD
  • Created Date: Oct 7 2010 4:15PM