Vom Betonbau zur Bauingenieurkunst

Concrete construction and the art of civil engineer

Fuer Bauingenieure ist es sehr unbefriedigend, dass ihr Anteil an der Baukultur weder ausreichend bekannt ist, noch gewuerdigt wird und dass Journalisten sie meist als Architekten bezeichnen. Am Beispiel von Ulrich Finsterwalder wird gezeigt, welche Haltung dieser grosse Bauingenieur des zwanzigsten Jahrhunderts zur Gestaltung von Bauwerken und zur kreativen Zusammenarbeit mit Architekten eingenommen hat. Fuer Ulrich Finsterwalder war die gute Gestalt seiner Bauten stets ein grosses Anliegen, das er auch mehrfach in seinen Veroeffentlichungen betonte. Er weist auch schon auf ein umweltgerechtes und nachhaltiges Bauen hin. Selbstbewusst wie er war hatte er keine Probleme damit, bei Ingenieurbauten, insbesondere bei Bruecken, Architekten zu verpflichten, die ihm in gestalterischer Hinsicht zuarbeiteten, wobei er jedoch immer die Federfuehrung innehatte. Dies ist eine moderne Auffassung, wie sie heute bei Ingenieurbauten, zum Beispiel Bruecken ueblich ist. Besonders beeindruckend ist Finsterwalders Zusammenarbeit mit dem Architekten Gerd Lohmer, der sich ganz auf den Brueckenbau spezialisiert hatte. Es entstanden beispielsweise die Nibelungenbruecke in Worms und die neue Moselbruecke in Koblenz. Beide Bruecken entstanden im von der Firma Dywidag, bei der Finsterwalder arbeitete, eingefuehrten System des freien Vorbaus. Es folgten zahlreiche Balkenbruecken, zum Beispiel 1959 die Mangfallbruecke, ein doppelstoeckiger Spannbetonfachwerkdurchlauftraeger und die Rheinbruecke Bendorf mit einer Spannweite von 208 Metern, die damals die weltweit laengste Balkenbruecke war. Eine der elegantesten Fussgaengerbruecken entstand 1967 im Schiersteiner Hafen in Wiesbaden, die erstmalig mit weissem, hochfesten Dyckerhoff-Leichtbeton errichtet wurde. Im Bereich des Hochbaus arbeitete Finsterwalder mit vielen bekannten Architekten zusammen. Es endstanden beispielsweise die Grossmarkthallen in Frankfurt am Main und zeitgleich in Basel sowie spaeter in Budapest. 1937 bis 1940 folgte der Bau der Koelner Grossmarkthalle. Die Karlsruher Schwarzwaldhalle, eine Haengedachkonstruktion in Spannbeton, plante und baute Finsterwalder 1953 zusammen mit dem Architekten Erich Schelling. Mit dem Architekten Bernhard Hermkes realisierte er in Hamburg die Kennedy-Bruecke, das Auditorium Maximum der Uni Hamburg und die Grossmarkthalle. Weitere Bauwerke in Zusammenarbeit mit Architekten waren die Stadthalle Bremen und das erste Hochhaus in Wien in Spannbeton, das Philips-Haus fuer den Philips-Konzern. Ulrich Finsterwalder war Wissenschaftler, Autor, Lehrer, Gestalter, Konstrukteur und Bauunternehmer, also ein kompletter Baumeister. Am 5. Dezember 2017 jaehrte sich sein Geburtstag zum 120. Mal. ABSTRACT IN ENGLISH: The civil engineers are aware of their social responsibility, but they find it unsatisfactory that their share of the building culture is neither sufficiently known nor duly appreciated. The article gives a brief overview of this topic and tries to detect the engineers' own deficits, which make the solution of the problem more difficult. The example of Ulrich Finsterwalder shows what attitude one of the great master builders of the twentieth century had taken towards responsible and sustainable building, aesthetics and design, and creative collaboration with architects. (A)

Language

  • German

Media Info

  • Media Type: Print
  • Features: Figures; References;
  • Pagination: pp 318-24
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Subject/Index Terms

Filing Info

  • Accession Number: 01685091
  • Record Type: Publication
  • Source Agency: Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt)
  • Files: ITRD
  • Created Date: Jun 28 2018 7:29AM