Komplexe Bauvorhaben heute - eine rein ingenieurtechnische oder auch gesellschaftspolitische Aufgabe?

Der Beitrag befasst sich aus der Sicht eines auf anspruchsvolle geotechnische Projekte des Ingenieurbaus spezialisierten Ingenieurbueros mit der Frage, ob komplexe Bauvorhaben heute nicht nur rein ingenieurtechnische, sondern auch gesellschaftspolitische Aufgaben sind. Aus dem Brueckenbau werden als Beispiele solcher Aufgaben Pfahlplatten-Gruendungen und integrale Bruecken angefuehrt. Die Autoren verstehen die Ausfuehrungen als Statusbeschreibung, die Bauingenieure an ihre gesellschaftpolitische Aufgabe zur Gestaltung der Umwelt und den verantwortungsvollen Umgang mit den natuerlichen Ressourcen erinnern sollen. Komplexe Bauaufgaben erfordern bei der Planung immer eine effektive Zusammenarbeit der beteiligten Fachrichtungen des Bauingenieurwesens. Insbesondere ist der Baugrundgutachter rechtzeitig einzuschalten, damit die Interaktion zwischen Bauwerk und Baugrund analysiert werden kann. In frueheren Jahrhunderten lag die Verantwortung allein beim Baumeister, dessen Erfahrung und Geschick das Gelingen der Bauaufgabe bestimmte. Heute bestimmen Computerprogramme und ausufernde Regelwerke die Berechnung von Ingenieurbauwerken, waehrend das Kreative und "Ingenieuse" immer mehr in den Hintergrund gedraengt wird. Das auf Erfahrung beruhende Sicherheitsniveau wich einer immer wissenschaftlicher begruendeten Sicherheitstheorie, welche die Sicherheiten rechnerisch so bestimmt, dass keine Gefaehrdung der Bauwerke zu befuerchten ist. Es kann der Anschein erweckt werden, dass der Ingenieur nunmehr nur noch die Aufgabe hat, das vom Architekten oder Objektplaner vorgegebene Bauwerk fuer Rechenprogramme zu diskretisieren und den Computer rechnen zu lassen. Das Ergebnis soll dann eine fertige Tragwerksplanung sein. Zu dieser zu beklagenden Entwicklung hat auch die Politik mit der Einfuehrung des Bachelorstudiengangs beigetragen, der Bauingenieure immer mehr zu "Rechenknechten" degradiert. Gebraucht wird aber ein Ingenieur mit Intuition und Gefuehl fuer die richtige Loesung. Das trifft in besonderem Masse auf den geotechnischen Planer zu, der in vielen Faellen die Interaktion zwischen Baugrund und Bauwerk richtig zu bewerten hat. Als Beispiele dafuer werden unter anderem Pfahlplattengruendungen und integrale Bruecken angefuehrt. Die monolithische Bauweise integraler Bauwerke ist empfindlich gegen Zwangbeanspruchung, sodass die Bauwerk-Boden-Einfluesse eine zentrale Rolle bei der Bemessung spielen. Somit bestehen erhoehte Anforderungen an den geotechnischen Entwurfsbericht, die eine fruehzeitige Einbindung des Fachplaners fuer Geotechnik erfordert. Die Planung von integralen Bruecken verlangt eine ueber das uebliche Mass hinausgehende Kooperation aller Planungsbeteiligten. Die dargestellten Beispiele verdeutlichen, dass ohne ein hohes Mass an Ingenieurverstaendnis und -wissen eine zielfuehrende Bauwerksplanung nicht erfolgen kann. Komplexe Bauvorhaben erfordern die iterative Abstimmung zwischen den an der Planung Beteiligten. Zusammenfassend wird festgestellt, dass es der Heranbildung von "Problemloesern" mit umfassendem Ingenieurwissen bedarf und nicht der Reduzierung auf "Rechenknechte". Die derzeitige Realitaet der Ausbildung von Bauingenieuren leistet dazu keinen positiven Beitrag. Eine Spezialisierung in Fachbereiche des Bauingenieurwesens ist notwendig, aber diese sollten noch staerker vernetzt werden, als das bisher der Fall ist.

  • Authors:
    • Richter, T
    • Kirsch, F
  • Publication Date: 2014-9

Language

  • German

Media Info

  • Media Type: Print
  • Pagination: pp 687-95
  • Serial:
    • Bautechnik
    • Volume: 91
    • Issue Number: 9
    • Publisher: Ernst (Wilhelm) and Sohn

Subject/Index Terms

Filing Info

  • Accession Number: 01538609
  • Record Type: Publication
  • Source Agency: Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt)
  • Files: ITRD
  • Created Date: Sep 11 2014 9:32AM